2013

01. July 2013

Vater und Sohn im Park

Vater und Sohn haben frei und gehen in den Park. Das Wetter ist herrlich, die Sonne lacht, die Erde ist warm. Zeit zum Nichtstun, denkt man. Der Vater sitzt auf einer Bank, der Junge, fünf Jahre alt, liegt im Gras und schaut eine Blume an. Man könnte meinen, das Kind schaut sich in die Blume hinein, so weggetreten ist es.

Anders der Vater. Er rutscht hin und her auf der Bank, schaut mal hierhin, mal dorthin. Dann guckt er auf seinen Sohn, der ruhig im Gras liegt. Die Ruhe macht den Vater nervös. Er ruft zum Jungen: Alles in Ordnung mit dir? Das Kind ruft zurück: Ja. Das reicht dem Vater nicht; er ruft zum Kind: Langweilst du dich? Das Kind ruft: Nein. Und schaut auf die Blume, ohne sich zu bewegen.

Je ruhiger das Kind ist, desto unruhiger der Vater. Er will einen Vorschlag machen und sagt: Sollen wir ein Eis essen? Wieder antwortet sein Sohn: Nein. Der Vater rutscht auf seiner Bank, sieht auf den Sohn, wie der die Blume anschaut, und stellt dann die seltsame Frage: Was machst du denn da? Der Fünfjährige sagt, was er schon die ganze Zeit tut: Ich schau’ mir die Blume an.

Wer jetzt meint, alles sei gesagt, und der Vater beruhige sich, kennt die Unruhe nicht, die Menschen manchmal in sich tragen. Noch lebhafter rutscht der Vater die Bank rauf und runter und fragt seinen Sohn: Alles in Ordnung mit dir? Der Junge rührt sich nicht, schließt kurz seine Augen und sagt dann: Ja! Und schaut auf die Blume. Als sei die Welt nur für ihn da. Als sei die Welt diese eine Blume.

Und wenn wir nicht manchmal einfach dasitzen oder -liegen, eine Blume, einen Vogel oder eine Wolke endlos anschauen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, werden wir nie verstehen, warum Jesus die Kinder liebt: Weil sie staunen können. Über das Allerkleinste. Über ein Gänseblümchen. Das wird oft weggemäht, und ist doch strahlend schön, einzigartig auf der Welt.

Wie alles, was Gott geschaffen hat.

Michael Becker